Kapitel 1 · 28 Min. Lesezeit
Der atmende Berg
Arbeitsfassung: Der Roman entsteht gerade, dieses Kapitel kann sich noch ändern. Aus dem Französischen übersetzt.
Unter dem Wind war ein Ton, und Kaëlith lauschte ihm schon so lange, dass sie die Kälte in ihren Fingern nicht mehr spürte.
Sie kauerte am Rand des Felsbands, auf fünftausendfünfhundert Metern, dort, wo der Berg Vaërn aufhörte, ein Berg zu sein, und nur noch ein Granitgrat war, dargeboten einem Himmel, der langsam von Schwarz zu Bleigrau verblasste. Der Wind kam von Westen. Schneidend, voller Reif, pfiff er in den Verschneidungen des Gesteins, regelmäßig wie ein Blasebalg, stieg in den engen Spalten um einen Ton an, fiel in den weiten zurück, und das war das Geräusch obenauf, das jeder hörte – das einzige auch, das die Leute da unten je zu benennen gelernt hatten. Kaëlith hatte schon früh gelernt, es beiseitezuschieben wie einen Vorhang, um zu hören, was dahinter lag. Das verlangte Arbeit des Ohrs und Geduld: Man musste aufhören, den Wind zu hören, damit etwas anderes Platz fand, sich taub machen für das Lauteste, damit das Leiseste heraufstieg, und dieses Kippen gelang nie auf einmal, sondern in Stufen, so wie sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnen.
Der Berg Vaërn war der höchste Gipfel des Königreichs. Es hieß, er halte den Himmel; die Priester des Rates stiegen einmal im Jahr hinauf, um dort Gottesdienste zu feiern, denen sie nie beiwohnte. Kaëlith glaubte nicht, was man über den Berg sagte. Sie glaubte, was sie an ihm maß – und was sie seit Jahren auf Vaërn maß, glich keinem anderen Gipfel. Die anderen schwiegen, oder knarrten, oder warfen das matte Echo toter Dinge zurück.
Vaërn dagegen bewahrte etwas. Sie war in neun Jahren zwölfmal hinaufgestiegen, zu allen Jahreszeiten, und zwölfmal hatte sie denselben tiefen Ton aufgezeichnet, gehalten, geduldig, der weder mit dem Frost wanderte noch mit der Schmelze. Das war es, was sie festgehalten hatte und was sie nie in einen Bericht hatte einfügen können: Eine tote Wand verändert sich mit dem Wetter, dehnt sich in der Sonne, zieht sich in der Kälte zusammen, und ihre Stimme folgt ihr gefügig. Vaërn folgte nichts. Vaërn hielt seinen Ton, wie man einen Entschluss hält.
Dieses Etwas hatte sie nie anders zu nennen gewusst als mit einem Wort, das sie sich weigerte, in einen Bericht zu schreiben. Eine Gegenwart. Eine Gegenwart misst man nicht. Man spürt sie und lernt zu schweigen. Das Wort missfiel ihr. Es roch nach Priestertum, nach Aberglauben, nach allem, was sie ihr Leben lang auf Abstand gehalten hatte. Aber kein anderes gab so genau wieder, was sie wahrnahm, und sie hatte gelernt, Wörtern zu misstrauen, die mehr beruhigen, als sie beschreiben. Dieses beruhigte nicht. Deshalb behielt sie es.
Lauschen war für sie immer mehr als ein Beruf gewesen. Es war ihre Art, auf der Welt zu sein, das einzige Gebet, das sie kannte. Wo andere schauten, urteilten, benannten, schwieg sie und neigte das Ohr – und die Welt antwortete ihr zuweilen mit einer Schwingung, die kein anderer auffing. Schon als Kind hatte sie das Ohr an die Mauern der Stadt gelegt, um den Fels atmen zu hören; und der Fels antwortete, ein langsamer, sehr tiefer Schlag, so gleichmäßig, dass sie Jahre brauchte, um zu begreifen, dass die anderen ihn nicht hörten. Man sagte ihr, das seien die Steine, die mit den Jahreszeiten arbeiteten wie das Holz eines Dachstuhls in der Hitze; man sagte es mit einer Stimme, die die Frage eher schloss, als dass sie ihr antwortete, und das Kind hatte gelernt, sie nicht wieder zu öffnen. Man schalt sie, sie machte weiter. In dieser Aufmerksamkeit lag eine Demut, die die Ihren für Starrsinn hielten. Man kann nicht wirklich lauschen und sich im selben Atemzug für wichtig halten: Man muss sich leer machen, damit der andere in einem Platz hat.
Weit unten im Westen stachen die Laternen von Aëlindra in die Flanke des Berges. Aus solcher Höhe war die Hauptstadt nur noch ein niedriges Sternbild, einige hundert Bernsteinpunkte, in den Stein gestuft, und im Frühlicht hatten sie das Aussehen von Glut auf dem Grund einer Wunde. Sie sah einen Augenblick lang hinab. Um diese Stunde schlief die Stadt einen einzigen Schlaf, sechzigtausend Atemzüge, in den Stein geschichtet, ohne zu ahnen, dass es die Frau überhaupt gab, die über ihren Dächern wachte, noch den falschen Ton, der sie dort hinaufgetrieben hatte. Keiner hatte ihr geglaubt, als sie vor zehn Tagen gesagt hatte, die Fundamente sängen falsch.
Eine winzige Verstimmung, ein Ton, der um einen Viertelton unter den Ton gerutscht war, den er hätte halten müssen. Sie hatte es gemeldet. Man hatte sie mit jener Geduld angelächelt, die man störrischen Kindern vorbehält, man hatte sie daran erinnert, dass der Fels nicht singt – einer der Meister hatte, während sie sprach, die Wasseruhr befragt und sich halb zur Tür gewandt –, und man war zum nächsten Punkt der Tagesordnung übergegangen. Sie hatte nicht beharrt; Beharren hatte nie etwas gebracht. Aber sie war in jener Nacht aufgestiegen, die Instrumente auf dem Rücken, ohne dass jemand den Aufstieg für nützlich gehalten hätte – weil sie noch immer, hartnäckig, an dem einen festhielt, woran sie je geglaubt hatte: dass man sich, wenn man nur lange genug gut misst, mit Zahlen, die sicher genug sind, am Ende immer Gehör verschafft. Der Beweis würde sich eines Tages von selbst aufdrängen. Es genügte, da zu sein, um ihn vor den anderen aufzulesen.
Ihre Instrumente warteten auf sie, aufgereiht auf dem nackten Fels. Drei Kristallstative mit Membranen, gespannt wie Trommelfelle; das Messbuch, aufgeschlagen auf einer Seite, die die Dunkelheit weiß machte; die Öllampe, die sie noch nicht anzünden würde, um sich vor der Dämmerung nicht die Augen zu verbrennen. Der Kristall nahm die Kälte schneller an als Metall; sie spürte sie durch die Handschuhe beißen, sobald sie eine Schraube streifte, und eben dieses Beißen unterrichtete sie – ein gut gekühlter Kristall hielt seinen Ton, ein von der Handfläche erwärmter wich schon bei einem Hauch ab. Sie arbeitete aus dem Gedächtnis und nach Gefühl. Ihre Hände kannten jede Stellschraube, jede Spannung des Fells, die Art, wie jede Membran auf den Druck eines Fingernagels mit einem Klang antwortete, der nur ihr gehörte; und sie bewegten sich im Dunkeln mit der Geduld einer Blinden in ihrem eigenen Haus. Sehen störte oft.
Bevor sie begann, legte sie zwei Finger an die Kristallstimmgabel, die an ihrem Hals hing. Eine Geste ohne Grund. Sie tat es immer – sie einmal berühren, unter der Fingerkuppe die vollkommene Kälte des geschliffenen Kristalls spüren, vor jeder Messung. Der Kristall wurde nie ganz warm, selbst auf der bloßen Haut getragen; er bewahrte etwas von der Kühle der Tiefe, als wäre er noch nicht fertig damit, aus der Erde herauszukommen. Die Stimmgabel stammte nicht von ihr. Sie kam von früher, aus dem Haus ihrer Großmutter in Faldris, weitergegeben von Händen, die ihr nie gesagt hatten, wozu sie diente. Sie hatte längst aufgehört, danach zu fragen. Manche Fragen, lernt man, sind zugemauerte Türen, und man hört auf, daran zu klopfen.
Etwas fehlte diesem Morgen, und sie hatte lange gebraucht, um zu begreifen, was. Die Glockenvögel. Die kleinen grauen Vögel mit dem steifen Gefieder, die in den Höhen von Vaërn nisteten und deren Flügelreiben bei Tagesanbruch einen Schauer heller Töne wob – ein Glasregen, sagten die Führer, ein feines Knistern, das den ersten Streifen Licht begrüßte und nur einen Atemzug lang währte. Heute Morgen waren sie nicht da. Sie hatte den ganzen Aufstieg in einer ungewöhnlichen Stille zurückgelegt, ohne es zu bemerken, den Geist an ihre Stative geheftet.
Als Kind hatte man ihr beigebracht, sie zu lesen, wie andere den Himmel lesen: Wenn die Glockenvögel in Schwärmen fliehen, geht man vor dem nächsten Tag nicht hinaus. Sie war mit diesem Reflex aufgewachsen, ohne seine Ursache zu kennen, so wie sie gelernt hatte, die Laune einer Felswand an der Dichte ihrer grauen Flechten zu beurteilen. Heute war der Himmel am Gipfel leer von jedem Gesang. Sie legte die Abwesenheit in einem Winkel ihres Geistes ab und tat nichts damit. Das Schweigen von Vögeln trägt man nicht in einen Messbericht ein.
Sie begann mit den Tiefen. Damit begann sie immer, mit den Frequenzen, die kein Ausschuss der Akademie der Aufzeichnung für würdig hielt, jenen, die unterhalb der Schwelle des aethannischen Ohrs lebten – so tief, dass man sie eher in den Zähnen spürte, als dass man sie hörte.
Niemand arbeitete mehr mit den Tiefen. Die Akademie der Klänge hatte sie vor acht Jahrhunderten aus ihrem Lehrplan gestrichen, aus Gründen, die kein Dokument wirklich festhielt und die zu hinterfragen niemandem einfiel. Man erforschte die Frequenzen des Bodens nicht, so war es eben – wie man nicht frontal in die Sonne starrt. Es gab keinen einzigen Meister mehr, der sie gelehrt hätte; die wenigen Abhandlungen, die davon sprachen, schlummerten in den Tiefen der Magazine unter einem Staub, den niemand abwischte. Kaëlith hatte ihre Jugend in halb leeren Sälen verbracht, um aus eigener Kraft wiederzulernen, was acht Jahrhunderte hatten fallen lassen, und sich höflich fragen zu lassen, wozu das gut sein solle. Die Schönheit liege in den hohen, klaren Frequenzen, wiederholten die Meister; der Rest sei nur ein Grollen ohne Sprache. Kaëlith hatte ihr Leben in diesem toten Winkel gebaut, auf dem, was die Ihren zu überhören beschlossen hatten, und sie lagerte dort fast ohne Nachbarn. Meistens war ihr das recht.
Die Membran des ersten Stativs bebte vor ihren Augen. Ein winziges, periodisches Zittern. Sie neigte den Kopf, brachte das Ohr an das gespannte Fell. Es war die Geste, die sie besser bestimmte als jede andere: das Ohr an der Materie, als hätte die Welt etwas anzuvertrauen und man müsste sich sehr tief hinabbeugen, um es zu vernehmen. So nahm sie Dinge wahr, von denen niemand um sie herum etwas ahnte – das Knistern der Kristalle, die sich in der Kälte zusammenzogen, das Gleiten einer Wasserschicht weit unter dem Fels, das lange Seufzen der Wände, die dem Morgen die am Vortag getrunkene Wärme zurückgaben. Eine ganze Welt aus Tönen, zu tief für die anderen, und für sie so bevölkert wie ein Marktplatz.
Null Komma sieben Hertz. Die Grundfrequenz lag dort, wo sie sie erwartet hatte, stabil, ein Sockel. Aber darüber, von ihr getragen, pulsierte die dritte Harmonische. Das durfte sie nicht. Eine Strukturharmonische hält einen Ton; sie schlägt nicht. Ein Fels schlägt nicht in regelmäßigen Abständen. Das war die erste Regel, die, die man vor allen anderen lernte: Tote Materie schwingt, sie gibt keinen Takt. Eine Brücke kann im Wind singen, eine Klippe unter der Dünung klagen, aber keine von beiden zählt die Zeit. Dieser Schlag zählte die Zeit.
Sie kalibrierte neu.
Ein Fehler des Instruments, selbstverständlich. Die Kälte verstimmte die Membranen, die Spannung der Felle gab im Frost nach – das war schon vorgekommen. Sie zog die Schrauben tastend nach, hauchte auf ihre Finger, nahm die Messung wieder auf. Ihre Finger gehorchten schlecht; auf fünftausendfünfhundert Metern wurde auch der Körper zu einem verstimmten Instrument, bei jeder Bewegung einen Takt zu langsam, und man musste mit der eigenen Ungeschicklichkeit rechnen wie mit der der Kälte. Das Atmen kostete sie. In dieser Höhe war jeder Atemzug eine kleine Entnahme von sich selbst, und sie war sich dessen immer scharf bewusst, wie eines Kontos, das man führt und das sich nicht auffüllt.
Der Puls war immer noch da. Sogar deutlicher, als hätte das Suchen ihn nähergebracht. Null Komma sieben, und dieser Schlag darüber, regelmäßig, ruhig. Ein langsames Herz. Der Vergleich kam ihr, ohne dass sie ihn gerufen hätte, und sie trug ihn ins Messbuch ein, denn sie notierte alles, selbst das, was sich nicht messen lässt. Ein langsames Herz. Dann strich sie das Wort Herz aus, aus Disziplin, und schrieb stattdessen: periodische Quelle, tief, nicht identifiziert.
Sie hätte sich sorgen müssen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick vor allem unendlich lebendig. Ihr ganzes Leben lang hatte sie genau dies gesucht – eine Anomalie, deutlich genug, um nicht anfechtbar zu sein, eine Tatsache, die der Fels ihr geben würde und die ihr niemand würde nehmen können. Sie ahnte noch nicht, dass manche Entdeckungen den nicht belohnen, der sie macht. Sie bezeichnen ihn.
Weiter unten auf dem Felsband schnaubte einer der Arhaëls und zerrte an seiner Fessel. Kaëlith hob den Kopf. Die beiden Tiere standen Flanke an Flanke, die Ohren angelegt, den Hals tief, und ihr Atem stieg in kurzen weißen Strahlen auf, die der Wind sofort zerriss. Das linke schlug mit dem Huf auf den Fels – dreimal, eine Pause, dreimal. Sie hatte gesehen, wie sie ganze Täler verweigerten, aus geringerem Anlass. Ein Tier spürt den Stein, bevor ein Instrument ihn misst; das wusste sie, und sie schrieb es nie in ihre Berichte, denn die Furcht eines Arhaëls zitiert man nicht vor einem Gutachterausschuss. Man hatte ihr genug beigebracht, was man zitiert und was nicht.
Unter ihren Knien vibrierte das Felsband schwach. Sie schob es zuerst auf den Wind, dann auf die Höhe – jenes dumpfe Summen, das sie in den Bergen immer mit sich herumtrug und das sie seit jeher dem Mangel an Luft zuschrieb. Schon als Kind hatte es ihr in den Sommern bei ihrer Großmutter in Faldris die Knochen ergriffen, in dem Dorf, das in die Mulde einer Felswand gebaut war, wo man das Wasser aus einem so tiefen Brunnen zog, dass das Seil mitten im August eiskalt heraufkam. Dieses Wasser hatte einen Geschmack nach Stein, dicht und kalt, den kein anderes seither je erreicht hatte; sie hatte ganze Sommer davon getrunken, direkt aus dem Eimer, ohne zu wissen, dass sie den Geschmack ihr Leben lang behalten würde. Das Summen kam stets nach diesen Sommern und brauchte Wochen, um ihre Knochen zu verlassen. Sie dachte nicht mehr daran. An das, was man von Anfang an mit sich trägt, denkt man nicht.
Sie wollte Gewissheit. Ein Instrument kann lügen; die Haut nicht. Sie zog den Handschuh von der rechten Hand, Finger um Finger, und klemmte ihn unter ihr Knie, damit der Wind ihn nicht davontrug. Die Luft biss sofort in das nackte Fleisch, ein Kältebrand, der bis ins Handgelenk stieg und ihr ein Zusammenzucken entriss. Dann senkte sie die Handfläche auf den Granit.
Der Stein war lauwarm.
Sie zog die Hand nicht zurück. Sie blieb so, kauernd im Wind, der ihr Rücken und Nacken gefrieren ließ, die Fingerglieder schon weiß werdend – und unter ihrer Handfläche, gegen alle Vernunft, diese Wärme. Sanft. Die Wärme einer Flanke, nicht die eines Kiesels. Unter der Kuppe war die Körnung des Granits dieselbe wie überall, rau, gesprenkelt mit winzigen Kristallen, die an der Haut hängen blieben; nichts hätte ihn von einem anderen Fels unterschieden, außer dieser Wärme, die es nicht geben durfte. Sie kannte den Granit der Höhe, sie hatte seine Temperatur auf dreihundert Gipfeln gemessen; um diese Stunde, eine Stunde bevor die Sonne den Kamm berührte, hätte der Fels ihr die Hand vor Kälte brennen lassen müssen. Stattdessen wärmte er sie.
Sie suchte eine Erklärung und fand keine, die standhielt. Es war keine Thermalquelle: Hier gab es kein Wasser, keinen Schwefel, keinen Geruch. Es war nicht die Sonne: Sie war nicht aufgegangen. Sie selbst war es nicht: Ihre eigene Hand war eiskalt, sie sah es an den Nägeln, die malvenfarben anliefen. Die Wärme stieg aus dem Stein. Und – sie musste den Atem anhalten, um sicher zu sein – unter der Wärme beschleunigte sich der Schlag.
Die Morgenröte kam über den Gipfel, wie immer, ehe sie den Rest der Welt erreichte. Das Licht kam aus Osten, eine streifende Klinge, die die Grate einen nach dem anderen entzündete, und der Reif begann zu schmelzen, in dünnen Rinnsalen, die durch die Falten des Gesteins liefen. Kaëlith hätte den Blick heben müssen. Deshalb stieg man hierher, für diesen einen Augenblick, in dem die Sonne den Gipfel vor dem Tal nahm, in dem man im Licht stand über einer noch schwarzen Welt – der karge Lohn dieser durchwachten Nächte, und der schönste. Sie hob den Blick nicht. Ihre Hand verließ den Stein nicht, und der Stein unter ihrer Hand wuchs an Macht.
Hinter ihr setzte die Sonne eine Welt in Brand, die sie nicht ansah – die Wolken, eine nach der anderen ergriffen, die Täler, noch blau von der Nacht, all das Gold, aus dem man Gedichte macht. Sie kehrte dem Schönsten, was sichtbar war, den Rücken, um über das Furchtbarste gebeugt zu bleiben, was hörbar war. Hören dem Sehen vorziehen: Es war stärker als sie, das war es schon immer gewesen.
Der Schlag war kein Schlag mehr. Er schwoll an, gewann mit jedem Zyklus an Fülle, und die Vibration, die zuerst nur ihre Zähne berührt hatte, erreichte nun den Kiefer, das Brustbein, den Käfig der Rippen. Ihre Instrumente gerieten außer sich. Die drei Membranen schwangen im Gleichklang, so heftig, dass der Kristall der Stative klirrte wie ein Service, an das man stößt, und das Messbuch von ihrem Knie glitt, ohne dass sie es hielt. Was vom Berg heraufstieg, hörte auf, eine Messung zu sein. Es wurde ein Ereignis.
Sie nahm es weniger durch die Luft wahr als durch den Stein. Die Vibration stieg aus dem Granit in ihre Knie, ihre Handflächen, ihre Zähne, klarer und rascher im Fels als im Wind – als bevorzugte der Ton den Körper des Berges dem leeren Raum, als wäre er nie für die Luft gemacht gewesen. Ein Ton, der im Stein besser reiste als im Himmel. Ihre Wissenschaft hatte dafür kein Fach. Sie begriff, undeutlich, dass ihre Wissenschaft sich würde ändern müssen.
Dann überschritt die Frequenz eine Schwelle, und der Ton wurde hörbar.
Es war kein Grollen. Ein Grollen hätte sie benennen, einordnen, dem Ausschuss in drei Zeilen melden können. Es war tiefer als ein Grollen und unendlich geordneter. Eine Architektur aus Frequenzen, die einander hielten, einander antworteten, einander zuwarfen, in Voluten aufstiegen nach einer Grammatik, deren Logik sie spürte, ohne sie lesen zu können. Da gab es Intervalle, die keine ihrer Tabellen vorsah, Akkorde, die einander hätten widersprechen müssen und doch zusammenhielten, Harmonische, so hoch aufgetürmt, dass sie den Überblick verlor. Ihr Ohr als Fachfrau verbiss sich, suchte das Muster, fand es beinahe – und jedes Mal, wenn sie es zu fassen glaubte, entfaltete es sich einen Grad weiter, wie ein Horizont, der zurückweicht, während man geht.
Es hatte eine Gestalt. Es hatte eine Absicht. In einer Sprache, die sie nicht kannte, in einem Register, das keine aethannische Kehle hätte erzeugen können, sagte der Berg etwas. Ein Wort, vielleicht. Lang wie ein Satz, schwer wie ein Jahr, und doch in einem Stück gehalten, unteilbar. Ein einziges riesiges Wort, und sie lag darauf.
Und Kaëlith begann zu weinen.
Es kam ohne Vorwarnung. Keine Regung, die sie hätte steigen, sich bilden, Boden gewinnen fühlen – Wasser einfach, das aus ihren Augen lief, ohne dass sie es beschlossen hatte, warm auf ihren erfrorenen Wangen. Sie führte die freie Hand ans Gesicht und betrachtete ihre nassen Finger. Sie hatte keine Angst. Angst kannte sie, das war es nicht. Es war Kummer. Ein ungeheurer Kummer, bodenlos, gegenstandslos, ein Kummer ohne Ursache und ohne Erinnerung, an der er sich hätte festmachen können, und er gehörte ihr nicht.
Sie suchte in sich, woher er kam. Sie suchte ehrlich, mit der genauen Strenge, die sie darauf verwandte, einen Fehler des Instruments aufzuspüren, ging alles durch, was in ihrem Leben sie hätte weinen lassen können – und fand nichts, nichts, das dem Maß dessen entsprach, was sie durchströmte. Dieser Kummer war zu groß, um in ein einziges Dasein zu passen. Er floss nach allen Seiten über. Er trat durch ihre Handfläche ein, stieg an ihrem Arm empor, füllte sie, wie man ein Gefäß füllt, das man unter einen Wasserfall hält, und sie begriff – ohne Worte, allein durch den Körper, vor dem Geist –, dass sie nicht die Quelle war. Dass sie nur das Gefäß war.
Ihre Knie gaben nach. Sie bemerkte es erst, als sie schon am Boden war, die Handfläche noch immer auf den Fels gepresst, unfähig, sie davon loszureißen – als hieße den Kontakt abzubrechen, jemanden mitten im Satz im Stich zu lassen. Der Kummer ging durch diesen einen Punkt, ihre nackte Hand gegen den lauwarmen Granit; und solange sie sie nicht zurückzog, würde er sie weiter von einer Seite zur anderen durchqueren.
Einmal schon, vor sehr langer Zeit, hatte ihr Körper auf diese Weise geweint, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Sie hatte sich geschworen, nie an den Ort zurückzukehren, an dem es geschehen war. Sie nannte ihn nicht, auch jetzt nicht, auch überwältigt nicht; sie fühlte nur, dass ihr Fleisch die Haltung dieses Kummers wiedererkannte, so wie man im Dunkeln einen Raum wiedererkennt, in dem man Schmerz gelitten hat, ohne sehen zu müssen.
Trotz der Tränen, trotz der Vibration, die ihre Kiefer klappern ließ, streckte sie die Hand nach dem nächsten Stativ aus. Die Geste war absurd, und sie wusste es. Eine Trauer misst man nicht. Aber Messen war alles, was ihre Hände konnten, wenn der Rest von ihr losließ, und sie wollte eine Membran zu dem Ton hin neigen, seine Gestalt einfangen, eine Spur davon bewahren – denn wenn sie den Beweis zurückbrächte, dann würde man ihr, vielleicht, diesmal zuhören.
Die Arhaëls schrien. Sie hatte sie diesen Schrei nie ausstoßen hören, schrill, beinahe menschlich, unerträglich. Das linke Tier schlug aus – einmal, zweimal – und die Fessel gab nach. Es lief geradewegs den Hang hinab, rutschte auf dem Reif und verschwand hinter der ersten Stufe, ohne einen Blick zurück. Das andere zerrte an seiner Leine, bis es sich halb erdrosselte.
Der Boden bewegte sich.
Kein Beben. Eine Welle. Das Felsband hob sich unter ihren Knien, langsam, weit, und sank zurück – der ganze Fels wogte wie eine Haut, die schaudert, wie eine Flanke, die sich bläht, um Atem zu holen. Sie fühlte den Granit sie heben und wieder absetzen, einmal, mit einer widerlichen Sanftheit, und ihr Magen hob sich einen Takt zu spät. Die Stative kippten. Eines rollte dem Abgrund entgegen und verschwand. Sie wollte es greifen, richtete sich halb auf, taumelte, fiel zurück auf eine Hand, die flach im geschmolzenen Reif lag.
Ihr ganzer Körper schrie sie an, zurückzuweichen. Zu fliehen, wie der Arhaël, geradewegs den Hang hinab, fort von dieser Sache, die durch ihren Mund weinte. Sie machte einen Schritt. Es war ein Schritt nach vorn. Gegen jeden Instinkt, den sie besaß, gegen dreihundert Gipfel erlernter Vorsicht ging sie auf das zu, was sie hätte fliehen lassen müssen – denn sie musste sehen, sie musste wissen, welches Ding auf der Welt einen solchen Kummer tragen und ihn singen konnte.
Sie wandte den Kopf nach unten, zur Westflanke, dorthin, wo der Hang nach Aëlindra und zur Welt abfiel. Und sie sah den Berg sich öffnen.
Weit unter ihr, in einer Wand, die dreitausend Jahre Frost und Wind geformt hatten und die nie ein Blick auch nur geahnt hatte, tat sich ein Spalt auf; und er weitete sich mit schrecklicher Langsamkeit, ohne Eile, mit der furchtbaren Geduld eines Lides, das sich nach sehr langem Schlaf hebt und nach und nach eine glatte, feuchte, blasse Fläche freilegt, die das Licht des Morgens zum ersten Mal seit Jahrtausenden erreichte.
Kaëlith hörte auf zu atmen. Ein Lid. Ihr Geist verweigerte das Wort; ihr Körper hatte es schon angenommen. Das war keine Spalte. Spalten sind trocken, kantig, tot. Dies hier war feucht, es glänzte, es öffnete sich von innen mit einer Absicht – und hinter dem blassen Spalt rollte langsam, in seiner steinernen Höhle, etwas Gewölbtes und Glänzendes, das suchte, fand und sich auf sie heftete.
Einen Atemzug lang – nur einen – hielt die Welt sich im Gleichgewicht zwischen zwei Schwindeln. Zuerst das Wunder: ein Auge, groß wie ein Platz, ein Bewusstsein, das zum ersten Mal seit dem Grund der Zeiten auf den Tag blickte, und sie, winzig unter diesem unermesslichen Blick, ergriffen, gehalten. Dann das Grauen darunter, das mit gleicher Geschwindigkeit aufstieg: Dieses Wesen war wach, dieses Wesen litt, und sein Leid hatte das Gewicht eines Berges. Kaëlith hielt dem Blick stand. Sie würde nie sagen können, ob aus Mut oder weil ihr Körper aufgehört hatte, ihr zu gehorchen.
Dann löste sich ganz unten, am obersten Rand von Aëlindra, die erste Terrasse.
Sie rannte schon.
Der Hang zog unter ihren Stiefeln vorbei. Geröll, Reifplatten, scharfe Kanten. Sie rutschte mehr, als sie lief, eine Hand am Boden, die andere – sie bemerkte es, ohne es zu glauben – fest um das Messbuch gepresst. Das Messbuch. Als könnten Zahlen noch von Nutzen sein. Sie ließ es nicht los.
Ein Felsabsatz unterbrach ihren Abstieg. Sie warf sich hinein, hielt sich mit beiden Händen fest, hob den Blick zur Stadt.
Einen Augenblick lang hielt alles.
Aëlindra lag dort unten, im neuen Licht. Die gestuften Terrassen. Die Balkone über dem Abgrund. Eine Laterne, irgendwo auf einer Schwelle, brannte noch. Der Staub stieg kaum aus dem oberen Viertel auf, ein blasser Schleier, fast nichts. Alles hielt.
Dann neigte sich die Lippe der oberen Terrasse.
Langsam. Das war es, das Unerträgliche, die Langsamkeit. Der Rand zögerte, als suchte er noch zu halten. Dann gab er nach. Und alles hinter ihm folgte.
Ein ganzes Viertel kippte in den Schlund. Zuerst ein Stück. Dann zehn. Dann hatte der Hang keine Gestalt mehr.
Die Terrassen knickten übereinander, die Balkone rissen ab, die Gänge wurden unter freiem Himmel aufgeschlitzt. Ganze Fassaden behielten einen Augenblick ihr Lot, aufgerichtet im Leeren, als hätten sie noch nicht erfahren, dass darunter nichts mehr war, neigten sich dann ihrerseits und lösten sich ohne einen Knall auf. Die Laterne der Schwelle fiel mit dem Rest, ein winziger Bernsteinpunkt, der im Staub rollte und erlosch.
Es glitt lautlos, zuerst. Eine Traumstille. Eine Lawine aus Häusern.
Sie würde die Langsamkeit nie vergessen. Man glaubt, ein Unglück gehe schnell. Es ging nicht schnell. Die Terrassen fielen mit der Geschwindigkeit einer müden Geste, beinahe widerwillig, und diese Langsamkeit ließ alle Zeit zum Begreifen. Alle Zeit, die Hand ausstrecken zu wollen. Alle Zeit, nichts tun zu können.
Der Schall kam danach. Immer danach. Das Grollen des nachgebenden Gesteins stieg mit einem Takt Verspätung zu ihr herauf, gewaltig, und füllte ihr die Brust. Dann, vom Wind getragen, über dem Grollen, ein Schrei.
Nur einer. Schrill. Lebendig.
Dann andere, und das Dröhnen verschlang sie alle.
Kaëlith blieb stehen.
Ihr Körper verweigerte den nächsten Schritt. Sie war ganz hinabgeworfen, auf sie zu, ein Bein schon gehoben – und nichts. Der Körper weiß vor dem Geist, was er nicht wird verhindern können. Ihrer hatte begriffen, dass dort unten nichts mehr war, was sie mit ihren zwei Händen hätte halten können.
Sie sah zu, wie das Viertel davonging. Winzige Gestalten glitten mit dem Schutt, fortgerissen, von hier aus so klein, dass man ihnen kein Gesicht geben konnte.
Sie wollte zählen – ein Reflex, wieder, immer zählen – und es gelang ihr nicht. Die Zahlen kamen nicht. Zu viele Fenster. Zu viele Schwellen. Zu viele Leben, Seite an Seite in den Stein geordnet, als dass ein Geist sie auf einmal halten könnte.
Die Zahl war da, irgendwo, ungeheuer, und sie konnte sie nicht denken. Sie wusste nur, dass sie zu groß für sie war.
Ein Dach. Ein Steg. Ein Stück Wand, in einem zarten Blau gestrichen, dem Blau eines Kinderzimmers, das langsam durch die Leere wirbelte, ehe es zerbrach. Dinge, zu genau für die Entfernung. Sie sah sie dennoch. Sie wusste, dass sie nie mehr würde tun können, als hätte sie nicht gesehen, was sie gesehen hatte.
Der Staub erreichte sie. Trocken, mineralisch, ein Geschmack nach zermahlenem Fels, der im Hals kratzte und die schon feuchten Augen überlaufen ließ. Sie hustete in ihren Ellbogen. Unter dem Geschmack nach Stein, tiefer, lag noch etwas anderes, Schwereres, Wärmeres, das sie nicht zu benennen bereit war.
Ihre Hände öffneten sich von selbst. Das Messbuch fiel. Das letzte Stativ – sie erinnerte sich nicht einmal, es auf der Flucht mitgenommen zu haben – glitt von ihrer Schulter und zerbrach zu ihren Füßen. Der Kristall sprang in drei Stücke, mit einem hellen, lächerlichen Klirren. Ein kleines Unglück zu ihren Füßen, als Echo des großen.
Sie betrachtete ihre leeren Hände. Sie war hinaufgestiegen, um einen Beweis zu holen. Jetzt hatte sie einen. Da war er – unten, im Staub, unter der ersten Sonne. Man hatte ihn für sie geschrieben. Man hatte ihn in Toten geschrieben.
Weiter oben, in der Flanke, hatte der Spalt sich halb geschlossen. Reglos nun. Ein Lid, halb gesenkt über seinen wiedergefundenen Schlaf, gestreift von ein wenig Feuchte, die der Tag schon trocknete.
Und dann, mit einem Schlag, die Stille.
Das Grollen hörte auf. Das Dröhnen ebbte ab. Selbst der Wind schien seinen Lauf anzuhalten. Aber nicht diese Stille ließ sie erstarren – es war die andere, darunter. Der Puls war verschwunden. Der Schlag, dem sie seit der Morgendämmerung folgte, das langsame Herz des Berges, war verstummt. Nichts schlug mehr unter dem Stein. Als hielte der Berg nun seinerseits den Atem an, sein Wort gesprochen, sein Viertel gefallen.
*
Der Staub brauchte Stunden, um sich zu setzen. Als Kaëlith endlich den ersten unversehrten Absatz erreichte, stand die Sonne hoch, und die Kälte des Morgens war einer trockenen Hitze gewichen, die das Steinmehl auf Haut und Wimpern presste. Man atmete pulverisierten Berg. Der Staub knirschte bei jedem Wort zwischen den Zähnen, sodass man wenig und leise sprach. Jeder trug dort unten dieselbe graue Maske, sodass man die Gesichter nur noch an den hellen Spuren unterschied, die die Tränen hineingegraben hatten.
Um zum Posten zu gelangen, hatte sie am Rand des gefallenen Viertels entlanggehen müssen, wo der Boden nur noch ein Bett aus Splittern war – Dachziegel, Putz, gebrochene Balken, und stellenweise weichere Dinge, über die sie hinwegstieg, ohne hinzusehen –, und sie hatte gesehen, was man an einem solchen Ort sieht und nicht erzählt. Eine Tür, offen auf Leere, dort, wo ein Haus gewesen war, ihre Angeln noch glänzend vom Gebrauch. Einen Mann, der mit bloßen Händen den Schutt durchwühlte, methodisch, ohne einen Schrei, als jäte er Unkraut. Und, unter einer Plane aufgereiht, eine Reihe regloser Gestalten, mit einer Sorgfalt gebettet, die ihr mehr als alles andere die Kehle zuschnürte – denn selbst zerschmettert, selbst in der Ruine ordneten die Ihren noch die Dinge, und diese Ordnung sprach von ihrem Entsetzen besser als jeder Schrei.
Unter einem Bogen, der gehalten hatte, hatte man einen Rettungsposten errichtet. Tragen direkt auf dem Boden. Aufgeschossene Seile, Eimer, ein umgestürzter Tisch, der als Werkbank diente. Befehle, mit zu hoch gestiegener Stimme gerufen, der Stimme derer, die Angst haben und sich beschäftigen, um nicht daran zu denken.
Kaëlith schlüpfte hinein, ohne dass man etwas von ihr verlangte, und tat, was zu tun war. Wasser tragen. Das Fußende einer Trage halten. Ein Stück losgerissener Trennwand wegräumen, damit man durchkam. Ihre Hände arbeiteten von selbst. Der Rest von ihr war dort oben geblieben, auf dem Felsband, die Handfläche an einem lauwarmen Stein.
Um sie herum machte die Welt das Geräusch, das man danach macht. Eine Verwalterin requirierte mit heiserer Stimme Decken. Zwei junge Leute der Gipfelwache trugen einen Verletzten, der einen Vornamen wiederholte, immer denselben, wie einen gehaltenen Ton, der sich nicht auflösen will. Irgendwo weigerte sich eine Frau, dass man jemanden wegtrug; ihre Stimme stieg und stieg und brach dann jäh ab, und die Stille danach war schlimmer als der Schrei. Unter all diesen Stimmen lief ein dumpferes, endloses Geräusch, das Scharren der Brechstangen und Hände auf dem aufgewühlten Stein – die Arbeit derer, die nun ausgruben, um zu bergen, nicht mehr, um zu retten. Über allem schlug die große Glocke von Aëlindra, langsam, beharrlich, läutete eine Gefahr, die schon vorüber war, für Tote, die sie nicht wecken würde.
Man drückte ihr einen Eimer in die Hände, und sie trug Wasser. Man ließ sie das Fußende einer Trage halten, während ein Knochenrichter eine Schulter einrenkte, und sie hielt. Unter ihren Fingern spürte sie den Mann zittern, den man versorgte – ein rasches, feines Beben, so verschieden von dem großen, langsamen Schlag, dem sie in der Morgendämmerung gelauscht hatte, dass ihr für eine Sekunde schwindelte. Zwei Schwingungen. Zwei Welten. Die ihre zitterte schnell. Die andere, unter dem Stein, hatte langsam gezittert, seit einer Zeit, die zu messen sie nicht wagte.
Da war ein Offizier der Gipfelwache, jung, ein aufgeschlagenes Register in der Hand, der die Vermissten eintrug, so wie die Stimmen sie ihm nannten. Sie wartete, bis er den Kopf hob. Er hob ihn nicht. Da stellte sie sich vor ihn und sprach.
Sie sagte, was sie gemessen hatte. Die Grundfrequenz, die dritte Harmonische, die pulsierte, wo eine Harmonische nicht pulsiert, den lauwarmen Fels unter ihrer Handfläche eine Stunde vor der Sonne. Sie sagte den Ton. Sie sagte, er habe die Gestalt eines Wortes gehabt, in einer Sprache, die keine Kehle ihres Volkes hätte formen können. Sie sagte den Spalt, der sich in der Flanke geöffnet hatte, und – weil es gesagt werden musste, weil sie genau dafür hinaufgestiegen war, um es eines Tages mit Beweisen sagen zu können –, dass er sich langsam geöffnet hatte, wie ein Auge, und dass dahinter etwas gewesen war, das sie angesehen hatte.
Der Offizier schrieb. „Erdrutsch“, sagte er. „Ursache seismisch.“ Er hob die Augen nicht vom Register, und seine Feder hielt nicht inne. „Sie waren auf dem Gipfel, wie man mir sagt. Ihr Name, für das Zeugenregister.“
Das war alles. Sie hätte ihm von einem Auge sprechen können, von einem Kummer, von einem Gott, der unter dem Stein weinte; er hätte Erdrutsch geschrieben, Ursache seismisch, und nach ihrem Namen für das Register gefragt. Es war keine Böswilligkeit. Es war schlimmer. Es war ein Mann, der seine Arbeit gut machte und dessen Arbeit kein Fach bot, in das man hätte einordnen können, was sie eben gesagt hatte.
Sie blieb einen Augenblick vor ihm stehen, auf der Suche nach der Formel, die das Fach zum Kippen brächte, der Zahl, die zwingen würde. Drei wog sie in Gedanken ab und verwarf eine nach der anderen: Jede, sobald sie sie sich laut gesprochen vorstellte, klang wie das, was ein Register unter dem Wort Überspanntheit ablegt. Es gab keine. Schließlich nannte sie ihren Namen. Kaëlith von Aëlindra, Akustikerin, der Akademie der Klänge. Er trug ihn ein, ohne aufzusehen; schon rief ihn eine andere Stimme, ein weiterer Name, den er ins Register der Vermissten bringen musste, und sie hörte auf, in seinem Blickfeld zu existieren.
Sie hatte ihr Leben lang geglaubt, ein Beweis genüge – dass, wenn sie nur genau genug messe, wenn sie Zahlen mitbrächte, die man nicht verwerfen konnte, die Mauer am Ende nachgeben und man die Tür öffnen würde. Sie sah um sich: den Staub, die Tragen, die grauen Gesichter. Da war ihr Beweis. Ein Teil der Stadt verschüttet, so viele der Ihren unter dem Stein, ein Berg, der so laut gesprochen hatte, dass die Erde davon bebte – der größte Beweis, den man sich erträumen konnte. Und man schrieb Erdrutsch, Ursache seismisch. Es war keine Frage des Beweises, das war es nie gewesen. Man hört nicht, was man sich vor sehr langer Zeit entschlossen hat, nicht zu hören.
Eine ältere Helferin legte ihr die Hand auf den Arm. Die Geste war sanft. Sie riet ihr, sich zu setzen, ein wenig zu atmen, sagte, sie stehe unter Schock – man sehe es an ihren tränengestreiften Wangen unter dem Staub. Kaëlith widersprach nicht. Zu erklären, dass die Tränen nicht die ihren waren, hätte nur die Diagnose bestätigt.
Sie setzte sich eine Weile auf einen losen Stein. Sie hatte Durst wie in der Wüste; der Staub überzog ihr den Mund mit einem Geschmack nach Kreide, und die trockene Mittagshitze kam ihr nach dem Frost des Gipfels unwirklich vor. Sie trank aus einer Feldflasche, die man ihr reichte, ohne dass sie sah, wer. Sie zitterte nicht. Vielleicht hätte sie es sollen; sie vermerkte das Ausbleiben des Zitterns, wie sie einen Messwert festgehalten hätte, mit dieser flachen, verschobenen Ruhe, die keine Stärke war, sondern die Kehrseite von etwas, das zu gewaltig war, um auf einmal gefühlt zu werden. Sie wusste, dass es später kommen würde, mit Verspätung, wie das Grollen eines Felssturzes lange nach dem Bild eintrifft. Der Kummer, der wahre, der ihr eigene, wartete irgendwo flussabwärts dieses Tages; er war noch nicht bis zu ihr gestiegen, und sie erwartete ihn ohne Eile, wie man eine Flut erwartet, deren Wasser man hat ablaufen sehen.
Sie kannte das. Man hatte sie immer ein wenig abseits gehalten, ein wenig versetzt. Sie hatte es hingenommen, wie man das Klima hinnimmt. Mit dem Regen rechtet man nicht.
Jemand legte ihr ein Kind in die Arme. Ein Mädchen von drei oder vier Jahren, verloren, stumm vor Schreck, das man ihr anvertraute, solange man irgendetwas holen ging. Das Kind schlang die Arme um ihren Hals und klammerte sich fest. Die kleinen Hände waren klebrig von Staub und getrockneten Tränen und drückten mit der Kraft dessen, der sich am Rand eines Abgrunds festhält. Es war warm. Lebendig, warm, wirklich, und dieses heiße Gewicht an ihrer Brust holte Kaëlith mit einem Schlag in den eigenen Körper zurück, unter die Lebenden, fern vom Gipfel und seinem steinernen Herzen. Dann kam eine Frau zurück, nahm das Kind, trug es ohne ein Wort fort. Kaëliths Arme blieben eine Weile um nichts geschlossen.
Sie sah dem Mädchen nach, wie es auf der Hüfte seiner Mutter davonging, eine graue Wange an einer grauen Schulter. Das war im Grunde, was sie konnte: einen Augenblick halten, was man ihr anvertraute, und es dann zurückgeben; hören, was niemand hören wollte, und dann schweigen. Sie führte die Hand zum Hals, zur Stimmgabel, ohne daran zu denken, und ließ sie dort.
Sie hörte an diesem Tag zwei Dinge, am Rand der Gespräche, und sie behielt beide.
Das erste: Die Gipfelwache würde den Spalt versiegeln. Man sprach schon von Harz und Stützen, von einem Trupp, der aufsteigen würde, sobald der Hang sicher wäre. Versiegeln. Einen Deckel auf das legen, was geschrien hatte. Das Lid von außen schließen und das eine Reparatur nennen. Sie kannte das Harz; sie hatte gesehen, wie damit fußbreite Risse verfugt wurden. Sie versuchte sich die Menge vorzustellen, die man für ein Auge brauchen würde, und gab auf.
Das zweite wurde leiser gesagt, mit verächtlich verzogenem Mund: Man hatte die Alten des Ordens der Schwelle wecken lassen. Die Archivare von unten, die der versiegelten Galerien, damit sie in ihrem Staub wühlten und nachsähen, ob so etwas schon einmal vorgekommen sei. Jemand lachte leise. Diese Leute wegen eines Erdrutsches zu befragen, schien ein Bürowitz.
Kaëlith lachte nicht. Sie legte die beiden Sätze irgendwo in sich ab, neben das Wort des Berges, ohne noch zu wissen, was sie verband.
Gegen Ende des Tages brauchte man sie nicht mehr – oder man sah sie nicht mehr, was bei den Ihren oft auf dasselbe hinauslief. Sie entfernte sich vom Posten. Sie wandte den Tragen den Rücken zu, den Stimmen, der Alarmglocke von Aëlindra, die irgendwo noch immer ohne Pause schlug, und sie stellte sich dem Berg. Unter der Glocke, unter den Befehlen und dem Schluchzen war noch immer diese ungeheure Stille, genau an der Stelle, wo am Morgen ein Herz geschlagen hatte.
Sie führte die Hand an die Kristallstimmgabel. Sie war kalt, grau verschmiert; sie schloss sie in der Faust. Sie fragte den stummen Kristall nichts. Sie wusste es schon – nüchtern, ohne es jemandem zu sagen, wie man weiß, dass hinter einem eine Tür ins Schloss gefallen ist und man den Schlüssel nicht mehr hat –, dass es für sie kein Zurück mehr ins Nichtwissen gab.
Und als sie ein letztes Mal den Blick hob, ehe sie hinabstieg, war der Spalt dort oben in der Flanke, dieses steinerne Lid, geschlossen über der glänzenden Fläche, die der Tag zum ersten Mal seit Jahrtausenden berührt hatte, und es kam ihr vor, aus der Tiefe all dieser Stille, als sähe der Berg sie an.